Hypnose - Möglichkeiten und Grenzen

Hypnose bei Schrenck-NotzingIm Zu­stand der Hyp­nose ist man wehrlos, das Be­wusst­sein aus­ge­schaltet und man ist po­ten­tiell Opfer übler Späß­chen, die na­tür­lich auf die ei­genen Kosten gehen. Saure Zi­tronen schme­cken plötz­lich süß und so man­cher lässt sich zu Zärt­lich­keiten mit Part­nern hin­reißen, die er im Wach­be­wusst­sein nicht einmal mit der linken Ge­säß­backe an­gu­cken würde.

Diese und ähn­liche Bilder prägen nach wie vor häufig die öf­fent­liche Mei­nung über Trance und Hyp­nose. Dabei wird re­gel­mäßig über­sehen, dass dies le­dig­lich für die Showhyp­nose gilt, welche man ge­le­gent­lich im Fern­sehen be­ob­achten kann und welche in erster Linie derbe Un­ter­hal­tung bieten möchte. In vielen Län­dern, wie zum Bei­spiel in Schweden, ist Showhyp­nose gänz­lich ver­boten. Und das ist gut so.

Zum Glück ist in Schweden die psy­cho­the­ra­peu­ti­sche, ärzt­liche und zahn­ärzt­liche An­wen­dung von hyp­no­ti­schen Ver­fahren durchaus ge­stattet. In diesem se­ri­ösen Zu­sam­men­hängen kann man mit Trance näm­lich eine Menge mög­lich ma­chen, was sonst auch ginge; nur nicht so schnell, leicht und für den Pa­ti­enten an­ge­nehm. Doch was ist das ei­gent­lich, Hyp­nose?

Der Be­griff Hyp­nose, vom grie­chi­schen hypnos, der Schlaf, be­zeichnet ei­gent­lich zwei Dinge: zum einen den Vor­gang des In-Trance-Ver­set­zens als auch den Zu­stand, den man damit er­reicht. Das in Trance ver­setzen kann auf ver­schie­dene Weise ge­schehen. Ein Hyp­no­ti­seur bzw. Hyp­no­the­ra­peut kann die Trance „live“ in­du­zieren, es gibt die Mög­lich­keit, dies mit Au­dio­kas­setten oder CDs zu tun, gen­auso wie die Va­ri­ante, dass man es sich selbst macht: letz­teres nennt man dann Selbs­t­hyp­nose. Diese ist vom Er­gebnis her au­to­genem Trai­ning, Me­di­ta­tion oder pro­gres­siver Muskel­ent­span­nung ähn­lich, aber wei­taus ein­fa­cher zu er­lernen. Viele, bei denen au­to­genes Trai­ning nicht funk­tio­niert, haben mit Selbs­t­hyp­nose tolle Er­folge; das kommt unter an­derem daher, dass Selbs­t­hyp­nose le­dig­lich mit sinn­li­cher Wahr­neh­mung ar­beitet, also mit sehen, hören oder fühlen. Un­sere Sinne spielen bei hyp­no­ti­schen Pro­zessen über­haupt eine wich­tige Rolle. Des­halb geht man heute davon aus, dass fast jeder hyp­no­ti­sierbar ist, ob es ge­lingt in Trance zu gehen oder nicht, ist vor allem eine Frage des Ge­schicks des Hyp­no­the­ra­peuten.

Was ist das also, dieses omi­nöse Be­finden, ge­nannt Trance? In erster Linie han­delt es sich um einen Zu­stand ge­bün­delter Auf­merk­sam­keit. Des­halb hat man früher auch Pendel, dre­hende Spi­ralen etc. zur Ein­lei­tung des­selben be­nutzt: Alles, was die Auf­merk­sam­keit fo­kus­siert, ist als Ein­lei­tung dieses ent­spannten Zu­standes ge­eignet. Sub­jektiv wird er ganz un­ter­schied­lich er­lebt, phy­sio­lo­gisch lassen sich ein­heit­liche Re­ak­tionen be­ob­achten. So kommt es zu einer ver­mehrten Ak­ti­vität des Pa­ra­sym­pa­thikus, jenem Teil des ve­ge­ta­tiven Ner­ven­sys­tems, der für Re­ge­ne­ra­tion, Er­ho­lung und Aufbau zu­ständig ist. Im Ge­hirn lassen sich spe­zi­fi­sche elek­tri­sche Wellen messen, die so ge­nannten Alpha-Wellen, welche auch ent­stehen, wenn wir kurz vorm Ein­schlafen sind. Und wer kennt das nicht: den ganzen lieben Tag lang sucht man in­ner­lich nach dem Namen einer be­stimmten Person, der einem par­tout nicht ein­fallen möchte; abends, im Bett, und man denkt gar nicht mehr be­wusst daran, fällt er einem dann wie von selbst ein. Man er­lebt dies oft wie ein be­glückendes „AHA“-Er­lebnis. Und das ist der Kern hyp­no­ti­schen Er­le­bens: es ist we­niger eine Er­fah­rung von „ich ma­che“, son­dern viel­mehr eine des „es ge­schieht“. Es fällt viel leichter, in­nere Bilder zu sehen und zu er­leben, das Erin­ne­rungs­ver­mögen wird im­mens ge­stei­gert (so manch ein Hyp­nose Kun­diger weiß sich bei ver­legten Schlüs­seln gut zu helfen!), man be­kommt Zu­gang zu men­talen Pro­zessen, die eher lö­sungs- als pro­blem­ori­en­tiert sind.

Da­neben kann man mit mo­dernen bild­ge­benden Ver­fahren wie der Po­sitronen-Emis­sions-To­mo­grafie (PET) zeigen, dass sich die Ge­hirn­ak­ti­vität in ver­schie­denen Hirn­zen­tren ver­mehrt. So zum Bei­spiel werden neu­ro­nale Schalt­kreise ak­ti­viert, welche der im­pli­ziten In­for­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung dienen. Das be­stä­tigt, dass Tran­ceer­leben eben viel me­ta­pho­ri­scher, bild­hafter ist als das Wach­be­wusst­sein. Es liegen bisher rund 170 in­ter­na­tio­nale Ver­öf­fent­li­chungen wis­sen­schaft­lich fun­dierter Stu­dien vor, die die Wirk­sam­keit von Hyp­nose in un­ter­schied­li­chen An­wen­dungs­fel­dern be­legen.

Wirk­lich neu ist das alles gar nicht. Viele Na­tur­völker wanden und wenden be­stimmte Ri­tuale an, welche hei­lende Wir­kung haben sollen: aus heu­tiger Sicht han­delt es sich hierbei um Einzel- oder Grup­pen­trancen. Im 18. Jht. be­han­delte Franz A. Mesmer eine blinde Pia­nistin er­folg­reich mit einem Kon­zept, das er ani­ma­li­schen Ma­gne­tismus nannte. Dabei strich er mit Ma­gneten über be­stimmte Kör­per­teile. Eine tak­tile Form der Auf­merk­sam­keits­fo­kus­sie­rung! Be­mer­kens­werter Weise er­blin­dete die Pa­ti­entin später wieder, weil sie nicht sehen wollte. Ein früher Be­weis dafür, dass der Hyp­no­ti­sand ent­scheidet, was mit Hyp­nose mög­lich wird oder nicht. 1843 wurde schließ­lich der Be­griff „Hyp­nose“ durch den Au­gen­arzt James Braid ein­ge­führt. Etwa zeit­gleich führten ver­schie­dene Chir­urgen er­folg­reich auf­wen­dige Ope­ra­tionen bis hin zu Am­pu­ta­tionen schmerz­frei unter Hyp­nose durch. Und richtig be­kannt wurden hyp­no­ti­sche Phä­no­mene durch Jean-Martin Charcot, wel­cher Tran­ce­phä­no­mene ur­sprüng­lich als hys­te­ri­sche Sym­ptome deu­tete. Auch der Be­gründer der Psy­cho­ana­lyse, Sig­mund Freud, lernte bei Charcot hyp­no­ti­sche Tech­niken kennen und an­wenden; Freuds Ab­kehr von der Ar­beit mit Hyp­nose wird damit er­klärt, dass eine Pa­ti­entin, aus der Trance zu­rück­keh­rend, sich von der Couch erhob und den ver­blüfften Freud auf den Mund küsste. Das hat den Armen so fertig ge­macht, dass er es von da an of­fi­ziell ohne Hyp­nose pro­biert hat. Dabei ist die Idee der freien As­so­zia­tion, die bei der psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur eine gar zen­trale Rolle spielt, eine ef­fi­zi­ente Tran­cein­duk­tion, da Auf­merk­sam­keits­fo­kus­sie­rung! Und das, was in Freuds Ar­beit von dieser hyp­no­ti­schen Phase übrig blieb, war die Couch. Des­halb ver­danken wir das wohl kli­schee­träch­tigste psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ac­ces­soire der Hyp­nose…

In der Psy­cho­the­rapie finden daher hyp­no­ti­sche Tech­niken in un­ter­schied­lichster Form Ein­gang. So kann man Trance be­nutzen, um Zu­gang zu ver­deckten Erin­ne­rungen oder Ge­fühlen zu be­kommen. Da­neben kann man diesen ein­ma­ligen Zu­stand auch ver­wenden, um neue, un­ge­wohnte Ver­hal­tens­weisen und Fä­hig­keiten mental ganz selbst­ver­ständ­lich ein­üben zu können. Und des Wei­teren kann man sich in Hyp­nose be­stimmten Fra­ge­stel­lungen in ganz an­derer, näm­lich bild­lich sym­bo­li­scher Weise nä­hern. So konnte Milton H. Erickson, ein ame­ri­ka­ni­scher Psych­iater, der die mo­derne Hyp­no­the­rapie be­grün­dete, einer fri­giden Frau zu Or­gasmen ver­helfen, indem er sie in Trance ihren Kühl­schrank ab­tauen ließ. Nach­ah­mung drin­gend emp­fohlen!

Genau ge­nommen ar­beitet fast jedes psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ver­fahren mit Tran­ce­zu­ständen, ohne dass diese ex­plizit so be­nannt werden. Schließ­lich ist jede Form der „In­nen­schau“ ein hyp­no­ti­scher Pro­zess im mo­dernen Ver­ständnis.

In der Me­dizin findet die Hyp­nose ebenso viel­fäl­tigen Ein­gang. Da kann sie zur prä- und post­ope­ra­tiven Be­treuung ge­nutzt werden, z.B. um Schmerzen aus­zu­schalten oder ge­ring zu halten und Blu­tungen zu stoppen. Selbst­ver­ständ­lich ist Trance ein bril­lantes Werk­zeug in der psy­cho­so­ma­ti­schen Me­dizin. Selbst All­er­gien können von er­fah­renen Hyp­no­ti­seuren ge­heilt werden. Schlaf­stö­rungen lassen sich eben­falls be­heben, und dass Warzen auf Hyp­nose gut an­spre­chen, ist fast schon All­ge­mein­wissen.

Zahn­me­di­ziner nutzen Trance gerne zur Hil­fe­stel­lung bei Men­schen, welche unter Ängsten vor Zahn­be­hand­lungen (Zahn­arzt­phobie) leiden; ebenso zur Schmerz­kon­trolle bei Pa­ti­enten, die keine Lo­kal­an­äs­thesie ver­tragen oder wollen. Be­son­ders Kinder spre­chen her­vor­ra­gend auf diese In­ter­ven­tionen an.

Im Coa­ching be­nutzt man Tran­ce­zu­stände unter an­derem dabei, um Kli­enten leichter an po­si­tiven Er­fah­rungen und Mög­lich­keiten aus­richten und hem­mende Fak­toren zu­rück­zu­stellen. So kann man im ent­spannten Zu­stand wei­taus ef­fi­zi­enter Be­wer­bungs­si­tua­tionen angst­frei und er­folg­reich mental durch­spielen als im so ge­nannten Wach­zu­stand.

Und längst sind nicht alle Mög­lich­keiten, die die Hyp­nose bietet, aus­ge­schöpft. Da Trance im zeit­ge­nös­si­schen Ver­ständnis auch ein All­tag­sphä­nomen ist (wer kennt nicht, dass er lange auf der Au­to­bahn fährt und ir­gend­wann an­kommt ohne sich an die letzten 100 km zu erin­nern?: die Um­ge­bung war da, aber man hat sie nicht wahr­ge­nommen; ei­gent­lich ein Tief­tran­ce­phä­nomen, näm­lich ne­ga­tive Hal­lu­zi­na­tion), stehen uns noch unend­lich viele Mög­lich­keiten zur Nut­zung dieses na­tur­ge­ge­benen Ver­mö­gens offen. Gen­auso wie die Wis­sen­schaft noch viele of­fene Fragen in Bezug auf phy­sio­lo­gi­sche Pro­zesse in Trance und Hyp­nose klären wird. Eine zen­trale Rolle hierbei könnte die oben er­wähnte PET spielen.

In­zwi­schen gilt es zu hoffen, dass die un­se­riöse An­wen­dung dieses po­tenten Werk­zeuges, näm­lich die Showhyp­nose, auch in un­seren Breiten zu­gunsten hilf­rei­cher An­wen­dungen in allen hei­lenden und för­dernden Be­rei­chen zu­rück­ge­drängt wird, um uns Men­schen noch ein­fa­cher, leichter und an­ge­nehmer un­sere wahren Po­ten­tiale nutzen zu lassen.