Perversion, Psychose und Trance

Per­ver­sion, Psy­chose und Trance
Nr. 2 / 2003

suggestionen S. lässt sich mit schuld­be­wusstem und zu­gleich las­zivem Au­gen­auf­schlag in den Re­la­x­sessel in meiner Praxis sinken. "Ich war tat­säch­lich am Weg zu Ihnen, und als ich aus dem Auto aus­steige, sehe ich diesen Typen … groß, dunkel, mit zu­sammen ge­wach­senen Au­gen­brauen …". Ich kann sehen, wie al­leine die Erin­ne­rung sie er­regt. "Da konnte ich nicht an­ders …". Sie schweigt ver­legen. Ich kann wahr­nehmen, wie mein Ärger über die ge­platzte Stunde einer ge­wissen Ver­wun­de­rung weicht. Nun bin ich also auch Opfer jener Ob­ses­sion ge­worden, wes­wegen mich S. auf­suchte: Tat­säch­lich kann sie an keinem Araber oder Türken vor­bei­laufen, wenn er In­ter­esse si­gna­li­siert, son­dern pro­vo­ziert, dass sie an­ge­spro­chen wird und gibt sich ihm dann "zü­gellos" (ihre Worte) hin; und da S. eine au­ßer­ge­wöhn­lich at­trak­tive Frau An­fang vierzig ist, zeigt fast jeder he­te­ro­se­xu­elle Mann Ge­fallen an ihr. Sie können sich also vor­stellen, dass S. nicht zu allzu viel in ihrem Leben kommt. Glück­li­cher­weise ist sie mit einem äl­teren Ho­mo­se­xu­ellen ver­hei­ratet, der auf­grund seiner be­ruf­li­chen und so­zialen Stel­lung neben seinem Le­ben­s­partner eine Alibi-Ehe­frau braucht und nun durch eine groß­zü­gige Apa­nage ihr ein schönes Leben er­mög­licht.

M. liebt Latex. Ver­ar­beitet muss es in Eng­land sein, denn nur die Briten kennen sich mit diesem be­son­deren Ma­te­rial aus. M hat einen scharfen Blick: die Kle­be­stellen zwi­schen den Ein­zel­teilen geben ihn so­fort auf Grund der Ver­ar­bei­tung Aus­kunft über den Ur­sprung eines La­tex­teiles. Seine Frau teilt seinen Fe­ti­schismus: in einer aus­ge­feilten Cho­reo­grafie der Leiber feiern die beiden se­xu­elle Be­geg­nungen in einem Raum der tiefen Re­gres­sion, Ex­kre­mente werden wie sa­krale Mo­nu­mente ge­feiert, Lei­bes­öff­nungen in Him­mels­pforten ver­wan­delt. Er weint vor Rüh­rung, als er mir davon er­zählt, wie beiden letztes Wo­chen­ende, nach langen diä­ti­schen Vor­be­rei­tungen, es end­lich ge­lingt, seine Faeces durch ein Rohr di­rekt in das Rektum seiner Frau zu schieben. Davon träumten sie, seit sie ver­hei­ratet sind, er­zählt er strah­lend.

Viel­leicht geht es Ihnen jetzt beim Lesen so, wie es mir da­mals ging, als ich diesen Aus­füh­rungen folgte. Und viel­leicht ist es genau das, was per­verse Prak­tiken für viele so ab­schre­ckend macht: das nicht nach­voll­ziehen können des De­tails und der In­ten­sität des Er­le­bens. Das Per­verse er­scheint fremd, un­heim­lich und auf rohe Weise er­schre­ckend. Fast mutet es wie eine heim­tücki­sche, in­fek­tiöse Krank­heit an. Schon der Ge­danke, der den Ex­kurs des Per­versen wagt, könnte un­heil­voll sein. Ge­rade muss ich an ein Fuß­ball­spiel denken. Wissen Sie, warum? Vor ein paar Jahren kommt ein junger Mann zu mir in die Praxis. Er im­po­niert durch eine ex­treme vi­su­elle Prä­fe­renz. Er ist all­ge­mein zu­frieden, nur in einer An­ge­le­gen­heit hat er keinen Klar­blick. Seine Lie­bes­be­zie­hungen sind stets sehr an­ge­spannt, weil auch Se­xua­lität für ihn ein di­stan­ziertes, vi­suell do­mi­niertes Er­leben ist. Am geilsten findet er es, wenn sich seine Part­ne­rinnen langsam vor ihm aus­ziehen und an­schlie­ßend mit einem Kunst­penis selbst be­frie­digen, und er dabei in etwa vier Meter Ab­stand be­ob­achten und ma­stur­bieren kann. Seine Stimme beim Er­zählen lässt mich die In­ten­sität seiner Ek­stase erahnen, die er in sol­chen Mo­menten er­fährt. Leider haben seine Part­ne­rinnen ir­gend­wann die Schnauze voll, Nacht für Nacht eine Stripshow hin­zu­legen und be­ginnen, sich kör­per­liche Nähe zu wün­schen. So­bald seine Part­ne­rinnen ihm aber phy­sisch nahe kommen, geht er in die Dis­so­zia­tion. Die Ver­mu­tung liegt nahe, dass ein mas­sives Trauma hinter dieser Re­ak­tion steckt. Da sein Leben an­sonsten da­durch nicht be­ein­träch­tigt ist, be­schließe ich, nicht mit Re­gres­sion, son­dern mit Pro­gres­sion zu ar­beiten und ich un­ter­stütze ihn, eine Pro­zess zu durch­laufen, an dessen Ende er mehr Klar­heit über sein se­xu­elles Er­leben hat, wel­ches ihm auch er­laubt, mit an­deren Mit­teln auf die Part­ner­suche zu gehen. Heute lebt er mit einer Freundin, die min­des­tens gen­auso ex­hi­bi­tio­nis­tisch wie er voy­eu­ris­tisch ist (und Krafft-Eb­bing hat dem Voy­eu­rismus nicht per de­fi­ni­tionem die Di­men­sion der Heim­lich­keit zu­ge­schrieben). Neu­lich treffe ich ihn am Kur­fürs­ten­damm und er er­zählt mir, dass er neu­er­dings mit großer Be­geis­te­rung und eben­sol­chem Er­folg ent­spre­chende Pri­vat­par­ties or­ga­ni­siert. Er be­dankt sich bei mir, ein Mo­ment in­ten­siver Nähe ent­steht. Dabei habe ich nichts an­deres getan, als was Psy­cho­the­rapie immer sein sollte: ich habe ihm ge­zeigt, wie er ein spe­zi­fi­sches Er­leben in einen neuen (ko­gni­tiven, emo­tio­nalen und so­zialen) Kon­text stellen kann. Und das gilt auch für Fragen der Se­xua­lität.

Die Be­geg­nung mit diesem jungen Mann hat mich neu­gierig ge­macht. Un­ter­scheidet sich ei­gent­lich das lust­volle Emp­finden des Voy­eurs von dem des Fe­ti­schisten oder von jenem, der so ge­nannt ge­ni­tale Se­xua­lität prak­ti­ziert? Gibt es quan­ti­ta­tive oder qua­li­ta­tive Un­ter­schiede? Oder ist das kör­per­liche Emp­finden bei jeder Form von se­xu­ellem Er­leben eine ein­ma­lige, in­di­vi­duell ge­prägte Wahr­neh­mungs­sin­fonie? Vor zwei Jahren fliege ich zum Tau­chen auf die Ma­le­diven. Bei einem Tauch­gang schwebe ich bei einer Put­z­er­sta­tion auf etwa zehn Meter Tiefe, über mir kreisen min­des­tens sechs Mantas mit einer Spann­weite bis zu sieben, viel­leicht sogar acht Me­tern, um sich von den kleinen Put­zer­fi­schen rei­nigen zu lassen. Sie schwimmen so knapp über mir, dass ich nur die Hand aus­zu­stre­cken bräuchte, um sie zu be­rühren. Dieser Mo­ment löst ein tiefes spi­ri­tu­elles Emp­finden in mir aus, eine Form von Ek­stase, die mich noch für den Rest des Tages be­gleiten wird. Sogar jetzt, wo ich Ihnen davon be­richte, durch­strömen mich Wogen des Wohl­be­fin­dens und meine At­mung wird wieder so ruhig wie da­mals unter Wasser. Zu Recht schrie mein Buddy nach dem Auf­tau­chen als erstes: "Wie geil!!"! Und ich frage mich, ob das Emp­finden des Fe­ti­schisten beim An­blick des ge­liebten gelben Gum­mis­tie­fels so viel an­ders ist als mein Emp­finden bei diesem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Tauch­gang. Oder wer kennt es nicht, dass man in einer Aus­stel­lung plötz­lich wie ge­bannt vor einem Ex­ponat stehen bleibt, und ganz er­griffen ist von diesem An­blick? Und viel­leicht ist das der ein­zige Un­ter­schied: der Fe­ti­schist sucht dieses Er­leben aktiv, wäh­rend der Aus­stel­lungs­be­su­cher davon über­rascht wird.

Ich kann mich noch an meine Psy­cho­pa­tho­lo­gie­vor­le­sung erin­nern: ein äl­terer Pro­fessor mit weißem Haar gibt einen akri­bi­schen Über­blick über Sym­pto­matik, Dia­gno­stik und The­rapie von psy­cho­ti­schen Er­kran­kungen. Der Hör­saal ist voll, trotzdem hebe ich be­herzt meine Hand und frage: "Wie genau er­lebt der Psy­cho­tiker seine Er­kran­kung?". Der Pro­fessor läuft zu Höchst­form auf: "Ge­rade dies ist das dia­gno­s­ti­sche Kri­te­rium der Psy­chose!! Dass sie für den Ge­sunden nicht nach­voll­ziehbar ist! Bril­li­ante Frage, Herr Kol­lege!" Ich weiß bis heute nicht, ob dies ein Kom­pli­ment war, oder ein Weg, mich zum Schweigen zu bringen.

Neu­lich sitze an einem son­nigen Tag bei einem Kaffee auf meinem Balkon. Die de­zente Musik im Hin­ter­grund be­flü­gelt mich und wäh­rend mein Blick in die Weiten des Him­mels schweift, be­ginnen auch meine Ge­danken zu wan­dern. Ich weiß nicht, wie ich darauf komme, aber plötz­lich kann ich eine Par­al­lele zwi­schen psy­cho­ti­schem und per­versen Er­leben und Han­deln her­stellen: beide folgen den Prin­zi­pien des Freud'schen Pri­mär­pro­zess, beide im­po­nieren durch das nicht ein­fühlen können. Psy­chose wie Per­ver­sion haben die mensch­liche Kul­tur­ge­schichte in ein­ma­liger Art und Weise be­ein­flusst, wenn nicht sogar ge­tragen. Und wenn wir träumen, sind wir selbst­ver­ständ­lich da.

Die Per­ver­sion ist die Psy­chose der Se­xua­lität.

Ich mag Par­ties, und meine Freunde mögen mich auf Ihren Festen, weil ich mit meinen uner­war­teten Ver­hal­tens­weisen immer wieder für freu­dige Er­re­gung sorge. Meint ein Freund zu mir: "Ich kenne nie­manden, der so schnell und spontan re­gre­dieren kann wie du! Mit dir kann man so viel Spaß haben! Dafür liebe ich dich … ". Das ist zwar schmei­chel­haft und zu­gleich be­deutet das für mich auch, manchmal in Si­tua­tionen, die für an­dere zwar lästig aber be­wäl­tigbar sind, ängst­lich und wie pa­ra­ly­siert zu rea­gieren. Mitt­ler­weile habe ich mü­he­voll ge­lernt, mich dann am ei­genen Schopfe wieder in die Pro­gres­sion zu ziehen.

Bin ich also psy­cho­tisch? Be­darf es so­for­tiger strin­genter psy­cho­phar­ma­ko­lo­gi­scher The­rapie? Oder könnte auch eine mehr­jäh­rige hoch­fre­quente psy­cho­ana­ly­ti­sche Kur helfen? Ein Freund guckt mir über die Schulter, liest die letzten Zeilen und meint la­pidar: "So' n Quatsch. Ein biss­chen psy­cho­tisch sind wir doch alle!"

Der Un­ter­schied liegt in der spe­zi­fi­schen Wahr­neh­mung. Wäh­rend ich mit meinen Späß­chen in einer be­stimmten Um­ge­bung mit einem be­stimmten Ver­halten Men­schen zum La­chen bringe, so er­schreckt der Psy­cho­tiker seine Um­welt mit seiner ver­meint­lich wahn­haften Iden­tität. Und gen­auso ist es mit dem Per­versen: wie haben wir ge­lacht und uns auf die strammen Schenkel ge­klopft, als Ste­phan Raab mit Chaps (po­po­freie Le­der­hose, be­liebt in der schwulen Leder- und Fe­tischs­zene) über die Bühne hopste. Und wie ver­wirrt haben die meisten Passanten den Umzug des fe­ti­schis­ti­sche Pen­dant der Love Pa­rade, den Car­neval ero­tica, be­ob­achtet; min­des­tens Ver­ständ­nis­lo­sig­keit um­hüllte die Be­ob­achter, le­dig­lich die heute ja ach so wich­tige po­li­tical cor­rect­ness er­würgte den Aus­druck der mul­ti­plen Ab­wehr im Tabu. Die ge­naue Ka­li­brie­rung er­öff­nete den Skandal hinter dem ver­spannten Lä­cheln beim: "Find ich ja doll, das so was in Berlin mög­lich ist …!" Und zu­gleich gab es viele, denen man an­sehen konnte, wie gern sie sich auch in auf­rei­zenden Posen auf den Wagen ex­hi­biert hätten.

Erickson ließ eine fri­gide Frau in Trance einen Kühl­schrank ab­tauen. Bei ihm sollten, als im­pli­zites Ziel, alle Kli­enten nach der The­rapie hei­raten und Kinder kriegen. Als in Berlin le­bender Psy­cho­the­ra­peut ge­staltet sich die Si­tua­tion grund­le­gend an­ders. Nach dem Stu­dium war ich neben meiner Nie­der­las­sung aus öko­no­mi­schen Gründen auch in einer HIV-Be­ra­tungs­stelle tätig. Sie können sich vor­stellen, dass es bei diesen Be­ra­tungen häufig auch um se­xu­elles Er­leben ging. Ich kann mich noch erin­nern, wie mich di­verse de­tail­lierte Aus­füh­rungen über spe­zi­fi­sche Prak­tiken ob der ge­lebten In­ten­sität in Er­staunen ver­setzten. Ich vermag bis heute nicht zu be­ur­teilen, was man als die Fä­hig­keit, sich fal­len­zu­lassen ver­stehen sollte oder ein­fach als Not be­greifen kann. Das zeichnet viel­leicht die Pä­do­philie als per­verses Er­leben aus: zu ihr kann man einen re­lativ klaren ethi­schen Stand­punkt be­ziehen. So hatte ich einen schwulen Kli­enten, wel­cher nach einer Stoma-Ope­ra­tion (künst­li­cher Dar­m­aus­gang) zu mir kam. Anale Sti­mu­la­tion hat in seinem se­xu­ellen Leben immer eine zen­trale Rolle ge­spielt, spontan er­zählt er, wie er wäh­rend einer frü­heren psy­cho­ana­ly­ti­schen Be­hand­lung in ein Alter re­gre­diert ist, in dem ihn seine Mutter anal ma­ni­pu­lierte, indem sie ihn etwas in den After ein­führte, was Blä­hungen ableiten sollte. Der Klient be­zeichnet sich selbst als "sex­süchtig". In der Pu­bertät be­gann er, sich re­gel­mäßig von fremden Män­nern pe­ne­trieren zu lassen, später war die durch den Penis des Part­ners ver­mit­telte In­ten­sität nicht stark genug und Toys wurden hin­zu­ge­zogen. Ich fand es be­mer­kens­wert, wie er das schil­derte: "Der Schwanz war mir nicht mehr genug, da musste mehr rein!". Seine Partner scheinen nur aus Pe­nissen, Dildos oder Ex­tre­mi­täten zu be­stehen. Hierbei kam es zu ersten Ver­let­zungen, Fis­suren un­ter­schied­li­cher Ausprä­gungen. Ab dreißig be­gann er eine Praktik aus­zuüben, die man als "Fis­ting" be­zeichnet: hierbei wird eine oder meh­rere Hände und Arme in den Un­ter­leib (Va­gina, Darm) ein­ge­führt. Bei einer großen Fe­tisch­party lässt er sich, wie schon oft, von Män­nern fisten, die er gar nicht kennt, einer davon bricht die se­xu­elle Be­geg­nung mit den Worten: "Du blu­test am Arsch!" ein­fach ab. Dann geht alles sehr schnell. Der sich ein­stel­lende Schwindel kommt diesmal nicht daher, weil die Drogen so gut sind, son­dern durch den im­mensen Blut­ver­lust durch Darm­per­fo­ra­tion. Der Mann wird ohn­mächtig, nur da­durch, dass ein Be­kannter ihn an der Wand zu Boden rut­schen sieht und die Si­tua­tion in­tuitiv er­kennt, wird die Ret­tung rasch genug ver­stän­digt und das Leben des Mannes kann in einer No­t­ope­ra­tion ge­rettet werden. Jetzt fühlt er sich ex­trem schuldig und ist von akuter Sui­zi­da­lität be­droht. In den Er­zäh­lungen dieses Mannes ver­blüfft mich immer wieder die In­ten­sität, die er beim Sex sucht (und für Mo­mente auch findet), ohne ir­gend­einen Kon­takt zu seinem Partner her­zu­stellen. Ge­rade diese Kon­takt­armut im se­xu­ellen führt dazu, dass er immer mehr und immer ex­tre­meren Sex prak­ti­ziert, um den Kick zu be­kommen. Auf der so­zialen Ebene ist das an­ders: dort pflegt er trag­fä­hige, nahe Kon­takte zu an­deren Men­schen, er wird ge­rade ob seiner großen Em­pa­thie als Ge­sprächs­partner ge­schätzt. Ich über­lasse dem ge­neigten Leser, die ent­spre­chende Dia­gnose zu stellen. Es wird auf jeden Fall in Trance deut­lich, dass er den tiefen alten Glauben in sich trägt: Se­xu­elle und per­sön­liche Nähe mit ein und dem­selben Men­schen führt zur meiner Auf­lö­sung. Der bio­gra­phi­sche Hin­ter­grund ist of­fen­sicht­lich. Es ist ein langer, in­ten­siver und zu­gleich ob seiner In­ti­mität wun­der­schöner the­ra­peu­ti­scher Pro­zess, durch den ich diesen Mann be­gleiten darf. Es gilt, die in un­ter­schied­li­chen Kon­texten un­ter­schied­lich ge­lebten Werte zu in­te­grieren bzw. eine Wei­ter­ent­wick­lung aus der Früh­stö­rung heraus zu er­mög­li­chen. Zu meiner ei­genen Über­ra­schung er­fahre ich später, dass er nun mit einer Frau zu­sam­men­lebt, mit der er auch eine se­xu­elle Be­zie­hung teilt.

Das heißt auch, dass ich für eine neue Demut in der Ar­beit mit Men­schen plä­diere. Im An­ge­sicht der Mög­lich­keiten, die die Hyp­nose zur Ver­än­de­rung bietet, erei­fert man sich schnell in einem naiven Mach­bar­keits­wahn. Viel­leicht ist es meine Wiener Her­kunft, welche mich manchmal in­ne­halten lässt, und statt Fort­schritten Wand­lungen an­bietet. Das, was alle psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Rich­tungen ver­eint, ist der An­satz des Re­f­ra­mings. Psy­cho­the­rapie (und in meinem Ver­ständnis auch Coa­ching) nutzt vor allem die Energie des Um­deu­tens. Das heißt auch, dass ich als Coach oder The­ra­peut bes­ten­falls das Beet be­reiten kann, auf dem Neues ent­stehen be­ginnt, nie­mals werde ich dem Kli­enten etwas Neues geben können, ohne die Grund­lage einer sol­chen Er­fah­rung im per­sön­li­chen Kon­takt vor­zu­be­reiten. Das be­deutet weiter, dass ge­rade in der psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Ar­beit mit Per­versen die Re­fle­xion ei­gener Wert­vor­stel­lungen un­ab­dingbar ist. Viel­leicht be­gegnet uns hier eine wei­tere Schnitt­stelle: auch beim Psy­cho­tiker be­darf es eines Wis­sens um mein ei­genes psy­cho­ti­sches Po­ten­tial, um an­ge­messen, d.h. ohne Ab­wehr in der Ge­gen­über­tra­gung zu agieren vor­gehen zu können. Und das wich­tigste in beiden Fällen: Angst­frei­heit. So­wohl der Psy­cho­tiker als auch der Per­verse er­kennen in­tuitiv ganz rasch, ob wir in wert­freier em­pa­thi­scher Re­so­nanz bleiben, oder in Wirk­lich­keit mit dem Be­dürfnis kämpfen, uns di­stan­zieren zu möchten. Psy­cho­dy­na­misch ist dies ebenso nahe lie­gend wie das Wissen um die mä­ßige Ver­än­der­bar­keit dieses Er­le­bens. Und nicht nur manche Pflanzen gehen im grellen Licht zu­grunde. Auch so man­ches Genie war und ist diesen so­zialen For­de­rungen der Sub­li­ma­tion nicht ge­wachsen und er­stickt an jenen Lauten, die seine Kehle bil­dend in den Hals zu­rück­ge­stopft wurden, um tat­säch­lich den Narren zu schützen.

Se­xu­elles Er­leben ist meines Er­ach­tens einer der in­ten­sivsten Tran­ce­zu­stände, die Men­schen spontan er­leben können. Es ist daher be­mer­kens­wert, dass die Hyp­no­the­rapie, wel­ches sich so um­fas­send mit Tran­ce­phä­no­menen be­schäf­tigt, sich diesem The­men­kom­plex so wenig an­nimmt. Dabei lässt sich der ver­hal­tens­the­ra­peu­ti­sche An­satz der Se­xual­the­rapie her­vor­ra­gend mit dem In­stru­men­ta­rium der Tran­ce­ar­beit be­rei­chern. Und da die meisten Se­xual­stö­rungen klas­si­sche psy­cho­so­ma­ti­sche Re­ak­tionen dar­stellen, kann man her­vor­ra­gend aus dem rei­chen Pool ent­spre­chender In­ter­ven­tionen schöpfen. So konnte ich mit Tei­le­ar­beit nach W. Lenk einer Frau mit Va­gi­nismus zu einer kom­pletten Neu­or­ga­ni­sa­tion ihres Le­bens ver­helfen. Und zu­gleich be­darf es oft gar keiner ex­pli­ziten Be­hand­lung des Themas. So kommt eine 26-jäh­rige Frau zu mir und klagt über etwas, was sie De­pres­sionen nennt. Im Ge­spräch wird uns klar, dass sie wäh­rend des Her­an­wach­sens alle Ver­bin­dungen zu ihren Kraft­po­ten­tialen kappen musste, um zu über­leben. Daraus er­wächst die be­kannte Spi­rale von man­gelnder Selbs­t­er­war­tung und Emp­fin­dungen des Nie­der­ge­schla­gen­seins. Im Rahmen des the­ra­peu­ti­schen Pro­zesses führe ich mit großer Lust mit dieser jungen Frau auch ein Ri­tual durch, wel­ches sie wieder in Ver­bin­dung mit ihren ar­chai­schen Kraft­po­ten­tialen führt. In der nächsten Sit­zung be­richtet sie davon, dass sie in der Zwi­schen­zeit das erste Mal in ihrem Leben beim Ver­kehr mit ihrem Freund einen Or­gasmus er­lebte. Se­xua­lität war bis zu diesem Zeit­punkt nie ex­plizit Thema in un­serer Ar­beit ge­wesen.

Kennen Sie die Ge­schichten jener pos­thyp­no­tisch sug­ge­rierten Ver­bre­chen? Ich glaube nicht daran. Nur ein Kri­mi­neller führt pos­thyp­no­ti­sche Ver­bre­chen aus. Ich durfte in jedem Fall in der Ar­beit mit ma­ni­fest Per­versen er­kennen, was meine ge­heimen per­versen Fan­tasien sind. Mein Le­ben­s­partner wünscht sich häufig, ich würde mehr mit psy­cho­so­ma­ti­schen Kli­enten ar­beiten.