Zuhause im fetischistischen Raum

Zu­hause im fe­ti­schis­ti­schen Raum
Nr.: 21 / Au­gust 2006

du-und-ich Neu­lich finde ich mich auf einer ganz ge­sel­ligen Ge­burts­tagsparty wieder. Der Abend ver­geht, ir­gend­wann schlägt Hen­drik vor, doch noch in den Kit­kat­club zu gehen. Be­geis­tert wird sein Vor­schlag auf­ge­nommen. Als wir schließ­lich zu sechst vor den Pforten eben­dieses Fe­tisch­clubs auf­schlagen, bringt meine zu Hemd ge­tra­gene Cord­hose das Pro­jekt zum Platzen. So­li­da­risch be­gleiten mich alle fünf in einen an­deren Club der Wahl.

Meine Neu­gier ist ge­weckt. Läden wie der Kit­kat­club in Berlin und ver­gleich­bares in an­deren Re­gionen schlägt so­zi­al­wis­sen­schaft­lich ge­sehen die Lücke zwi­schen homo- und he­te­ro­se­xu­eller Par­ty­ge­meinde. Nicht mehr die se­xu­elle Ori­en­tie­rung, das sich Be­kennen zu einem be­stimmten Li­festyle und das In­ter­esse an Fe­ti­schen ei­nigt. Ich komme nicht umhin mich zu fragen: warum darf ei­gent­lich eine Cord­hose kein Fe­tisch sein in den Augen dieser Ge­meinde? Der Fe­tisch mutet gar engstirnig an in diesem Zu­sam­men­hang.

Wie schon "schwul" oder "per­vers", "pervy" hat ja auch der Be­griff des Fe­tisch eine dra­ma­ti­sche Wen­dung in seiner Be­deu­tung er­fahren. Ein vor­mals dis­qua­li­fi­zie­rende Zu­schrei­bung wird von der Min­der­heit aktiv über­nommen und als iden­ti­täts­s­tif­tende Selbst­be­schrei­bung ver­wendet. Die Ein­la­dung zur Fe­tisch­party ist ver­wegen, auf­re­gend und schick.

Ur­sprüng­lich kommt der Be­griff des Fe­ti­schismus aus den Re­li­gi­ons­wis­sen­schaften. Hier ver­steht man dar­unter Un­heil ab­wen­dende Amu­lette und Glück und Segen brin­gende Ta­lis­mane. Kon­se­quent be­trachtet sind allen Re­li­gionen, auch dem Chris­tentum, Fe­ti­sche zu Eigen. Per de­fi­ni­tionem ist jeder Christ, der aus Glau­bens­gründen ein Kreuz um den Hals trägt, Fe­ti­schist. Ebenso jener, der es aus mo­di­schen Gründen stolz um den Nacken hängen lässt, wie wir später noch sehen werden.

In­zwi­schen hat sich ei­niges getan. Was den Na­tur­völ­kern in be­son­derem Maße zu eigen ist, wird später von dem ersten Se­xual­wis­sen­schafter, näm­lich dem Ös­ter­rei­cher Ri­chard Frei­herr von Krafft-Eb­bing, in seiner "Psy­cho­pa­thia Se­xualis", dem Sam­mel­band der Sys­te­ma­ti­sie­rung und Na­mens­ge­bungen per­versen Er­le­bens 1886 als Be­schrei­bung einer be­son­deren Lust an Ge­gen­ständen, Kör­per­teilen oder Tä­tig­keiten eta­bliert. Ei­gent­lich hat er ein­fach die re­li­giöse Be­deu­tung durch eine se­xu­elle er­setzt. Sollte dies etwas sein, was mitt­ler­weile viele Be­reiche un­seres Le­bens be­trifft?

Der gelbe Gum­mis­tiefel ist dabei das be­kann­teste Kli­schee. Ei­gent­lich sind der Fan­tasie keine Grenzen ge­setzt. Alles kann Ge­gen­stand einer fe­ti­schis­ti­schen Lust werden. Ich hatte einen Pa­ti­enten, der mir ir­gend­wann, eher ne­ben­säch­lich, davon er­zählte, dass er sich aus Ein­kauf­tüten Klei­dung schnei­derte und diese als ero­ti­sches Ri­tual zur Selbst­be­frie­di­gung anzog. Seine Part­nerin, die nichts von seiner gar krea­tiven Lei­den­schaft wusste, brauchte nie die Pille zu nehmen, weil er oh­nehin nur mit Gummi fi­cken wollte. Warum hat die Deut­sche Aids-Hilfe nicht ein­fach früh­zeitig das Kondom als Fe­tisch eta­bliert? Was mit Sport­hosen oder Turn­schuhen geht, sollte doch für einen se­xu­ellen Ge­gen­stand auch mög­lich sein. Denn wie alles ge­horcht auch der Fe­tisch Moden. Denn der Fe­tisch selbst ist Mode ge­worden: jede Zu­nei­gung zu be­stimmten De­tails (Kör­per­haare, Bart, Glatze, etc.) wird heute zum Fe­tisch sti­li­siert. Dabei war der Be­griff ur­sprüng­lich se­xual­wis­sen­schaft­lich so ge­meint, dass es un­be­dingt des je­wei­ligen Fe­tischs be­darf, um se­xuell er­regt zu werden. In­so­fern könnte man von einer In­fla­tion des Fe­ti­schismus in un­serer in mehr­fa­cher Hin­sicht se­xu­ellen und se­xua­li­sierten Kultur spre­chen. Tat­säch­lich ist un­sere ge­samte Ge­sell­schaft fe­ti­schi­siert.

Denn der Ka­pi­ta­lismus ist eine fe­ti­schis­ti­sche Kultur. Mit dieser Aus­sage führe ich nach der der re­li­gi­ösen und se­xu­ellen Be­deu­tung die so­ziale Sinn­haf­tig­keit in den Fe­ti­schismus ein. Marken sind Fe­ti­sche. Sie er­lauben uns im so­zialen Raum Zu­gang zu einer Emp­fin­dung von Stärke, Macht und Un­ver­sehrt­heit. Der se­xu­elle Fe­ti­schist er­lebt das beim An­blick des ge­liebten gelben Gum­mis­tie­fels. Ich erin­nere mich genau daran, wie klasse ich mich fühlte, als ich den in New York ge­kauften Helmut Lang Mantel die ersten Male aus­führte: es war eine ein­fach geile Emp­fin­dung der Po­tenz im wei­testen Sinne, die mich durch­strömte. Dass der gute Mantel ei­gent­lich für sein Geld schlechte Qua­lität war und sämt­liche Knöpfe noch in der ersten Saison ab­gingen, sei nur am Rande er­wähnt.

In­so­fern sehen wir uns, wie an vielen Stellen un­seres Le­bens über­haupt, einer Dop­pel­deu­tig­keit aus­ge­setzt. Zum einen ist der Be­griff des Fe­tisch kaum noch eine wirk­liche Be­deu­tung, weil jede Vor­liebe schon so ti­tu­liert wird. Fe­tisch hat eine um­gangs­sprach­liche Trans­for­ma­tion er­fahren. Zu­gleich ver­schließen wir kon­se­quent die Augen für die to­tale Fe­ti­schi­sie­rung un­serer Kultur. Der Tür­ken­proll im schnit­tigen Mer­cedes of­fen­bart seinen ma­ni­festen Fe­ti­schismus nicht nur beim ge­räuschrei­chen An­fahren, son­dern be­son­ders bei der lie­be­vollen Pflege seines Ve­hi­kels. So man­cher Partner oder Part­nerin eben­dieser Au­to­be­sitzer würde sich nur einen Bruch­teil dieser Auf­merk­sam­keit wün­schen! Und die Rolex am Hand­ge­lenk soll auch so man­chem Be­sitzer ein Ge­fühl der Un­ver­wund­bar­keit und Un­ver­wun­det­heit ver­mit­teln. Die In­dus­trie freut sich, un­sere Ge­sell­schaft funk­tio­niert aus­ge­spro­chen gut unter der Be­din­gung der ei­gent­lich wahl­losen macht­vollen Be­set­zung von Ge­gen­ständen.

In­so­fern schließt sich der Kreis, wie so oft, zu den klas­si­schen grie­chi­schen Phi­los­phen: Epiktet meinte, dass nicht die Dinge an sich einen Wert haben, son­dern die Be­deu­tungen, die wir den Dingen geben, ihren Wert be­stimmen. Also aus­schließ­lich un­sere Wahr­neh­mung der Dinge ist es, die ihnen Be­deu­tung ver­leiht.

Auf jeden Fall wun­dert es mich nicht, dass Helmut Lang Pleite ging. Hätte er bloß mal Cord­hosen in der Kol­lek­tion ge­habt!